Donnerstag, 23. Juni 2011 – Sächsische Zeitung

Das Dorf, der Berg, der Wein

Von Nicole Preuß, S. 3

Seit mehr als 800 Jahren wird in Sachsen Wein angebaut. In dem kleinen Elbdorf Zadel mühen sich die Leute, diese Tradition zu bewahren.

In Zadel bleibt die Weinbautradition in der Familie: Sachsens Sektprinzessin Heike Titze mit ihrem Großvater Wolfgang Frohberg. Foto: Kairospress

Der Boden, auf dem Wolfgang Frohberg steht, ist nicht heilig, aber geschichtsträchtig. Das weiß keiner besser als er. Zügig nimmt er den Weg zwischen den Weinstöcken hin zur Klippe, die das Ende des Weinbergs markiert. Von dort aus kann Frohberg bis zur Meißner Burg schauen – und überblicken, was Zadel zu bieten hat: vor allem Felsen und Wein und Schafe. „Da drüben von der Wiese ist letztes Jahr immer mal ein Schaf abgestürzt, trotz des Zauns“, sagt Frohberg. Bei der Höhe der Klippe hatten sie keine Chance.

Frohberg knöpft seine Jacke noch etwas weiter zu. Der rüstige 78-Jährige ist gern dort oben, auch wenn seine Gummistiefel das Wandern etwas beschwerlich machen. Das Basecap tief ins Gesicht gezogen, erzählt er über den Weinberg. Er weiß fast alles über ihn. Der Hügel aus Stein ist einer der ältesten Weinberge in Sachsen. Nur am Burgberg in Meißen wurde noch eher Wein angebaut. Kurz danach entdeckten Mönche etwas elbaufwärts den Flecken Zadel für den Anbau von Elbwein. Das war vor 816 Jahren. Die Urkunde, die das beschreibt, ist die erste, die den Ort an der Elbe überhaupt erwähnt.

Der Prinz in der Nachbarschaft

Zadel ist ein überschaubarer Ort: 170 Einwohner, eine gerade sanierte Grundschule, eine frisch gestrichene Kirche. Wer konnte, hat seinem Bauernhaus nach der Wende ein neues Dach verpasst. Wer nicht, hat an jemanden verkauft, der das konnte. Trotzdem sind die Scheunen geblieben. Die Landwirtschaft hat Zadel einmal ernährt.

Wolfgang Frohberg kann sich noch an diese Zeiten erinnern. Er kam vor ein paar Jahrzehnten in das Dorf, als er seine Frau, eine Zadelerin, heiratete. Schon manchem Zadeler hat er erklärt, was ihren Ort ausmacht. Doch er gräbt nicht nur in der Geschichte. „Schauen Sie, wie der Prinz die Reben anbindet, so gerade, das ist was Neues, wir machen das ganz anders.“ Mit einer herabhängenden Rebe formt er einen Halbkreis. Der Prinz, den er meint, heißt zur Lippe. Der hat den Weinberg wieder angepflanzt, als er kurz nach 1989 nach Zadel kam. Frohberg hat selbst einen Weinberg, verglichen mit dem des Prinzen allerdings einen eher kleinen. Aber er, seine Frau und sein Sohn leben ja auch nicht davon.

Sie gehören zu den wenigen Nebenerwerbswinzern im Dorf. Wie auch Friedrich Köhler. Er war gar nicht auf den Wein aus, als er 1982 die 360 Weinstöcke auf seinen halben Hektar Land vor dem Haus pflanzte. Was er damals wollte, war eine Heizung für seine Wohnung. „Zu DDR-Zeiten war Wein eine Tauschwährung“, sagt er. Der 61 Jahre alte Schlosser sitzt am Küchentisch in seinem Haus, dem alten Gasthof des Ortes, wo seine Eltern vor Jahrzehnten noch Gäste bewirteten. Köhler hat in den alten Saal eine Wohnung für seine Tochter gebaut. Im Keller hat er einen Bogen gefunden, der darauf hindeutet, dass dort mal ein Weinfass stand. Sonst hatte seine Familie, so weit er denken kann, nur wenig mit Wein zu tun. Außer, dass sie ihn ausgeschenkt hat.

Reinfall mit dem Müller-Thurgau

Als Friedrich Köhler genug Wein gehabt hätte, um Material für die Heizung zu tauschen, kam die Wiedervereinigung. Für seinen Wein gab ihm dann niemand mehr so viel, wie eine Heizung wert gewesen wäre. In der Anrichte stehen Weinflaschen. Er hat sie von der Winzergenossenschaft gekauft, im Tausch für seine Weintrauben waren sie billiger. Fachmännisch zeigt er eine Flasche. „Ein Müller-Thurgau, voriges Jahr. Wir sind mit dem alle auf die Nase gefallen.“

Die gut betuchte Kundschaft

Fünf Winzer im Nebenerwerb gibt es in Zadel. 14 Einwohner haben mehr als einen Rebstock. Doch es ist schwer, andere für den Weinanbau zu begeistern. Auch Köhlers zwei erwachsene Kinder haben wenig Interesse. „Man braucht viel Zeit“, sagt er. Das meiste sei schließlich Handarbeit. Schneiden, Spritzen, Ernten. Viele Wochenenden verbringt Köhler auf seinem Weinberg. Oft nimmt er seinen Enkel mit. Der ist jetzt fünf, und vielleicht hat er ja später mal Lust, den Weinberg weiter zu beackern.

Den großflächigen Weinanbau hat Prinz Georg zur Lippe zurück ins Dorf gebracht. Als er den Gutshof in Zadel entdeckte, war der kaum mehr als eine Ruine. Inzwischen ist er eine Attraktion für Weinfreunde aus nah und fern. Im Hof steht ein BMW mit schwedischem Nummernschild. Am Wochenende höre man oft die Absätze der vermögenden Kundinnen über das Steinpflaster klackern, sagen die Leute im Dorf.

Die Büros ähneln Bauernstuben. Männer und Frauen sitzen an einem Tisch und essen zusammen Mittag. Jörg Fiedler erhebt sich. Am Revers des 30-Jährigen klemmt eine silberne Anstecknadel in Form einer Weintraube. Fiedler vertritt den Prinzen, wenn er nicht auf dem Gut ist, und kümmert sich um die Vermarktung. Früher arbeitete er für die Gläserne Manufaktur von VW in Dresden, doch das Flair des Gutshofs habe ihn nach Zadel gezogen, sagt er. Gleich neben seinem Büro steht in der alten Scheune die Weinpresse. Ein paar Schritte weiter wird der Wein in einer Vinothek verkauft, in der Gaststätte wird er serviert. Alles ist auf individuelle Besucher abgestimmt. Bustouristen will man in Zadel nicht. Nach dem Gutshof in Zadel hat Prinz zur Lippe das Schloss Proschwitz saniert und danach seine Weine benannt. In Zadel kommt der Wein an, wird gekeltert, gegoren, in Flaschen gefüllt. Auf Schloss Proschwitz wird gefeiert. „Das ist der Unterschied“, sagt Jörg Fiedler.

Erinnerungen an das Kloster

„Ein Weingut muss nahe am Weinberg liegen“, sagt Fiedler. Überhaupt wird viel Wert auf Regionalität gelegt. Die meisten Mitarbeiter, die die 80 Hektar Anbaufläche bewirtschaften, wohnen in Zadel oder Umgebung. Der Sohn von Prinz Georg zur Lippe geht in die Grundschule des Ortes. Der Prinz nennt sein Anwesen das älteste Weingut Sachsens, weil einige seiner Weinstöcke oben auf dem Berg von Zadel liegen, dort, wo die Mönche schon Wein anbauten. Wolfgang Frohberg steht oft dort an den alten Mauern, die noch an die Zeit des Klosters erinnern. Sie wurden damals errichtet, um das Wild von den frischen Trieben des Weins abzuhalten, sagt er. Heute gibt es Maschendrahtzäune. Doch einige Mauern sind geblieben, halb verfallen, aber weithin sichtbar. Zwischen den Weinstöcken stehen drei Obstbäume. Wolfgang Frohberg kennt noch die Zeit, als der ganze Felsen voller Bäume stand. Damals arbeitete er als Obstbauer in der LPG. Birnen, Kirschen, Äpfel wuchsen, wo jetzt Weinstöcke stehen. Und Frohberg erntete.

Sektprinzessin in der Familie

Wenn es mal nötig war, schachtete er aber auch Gräber auf dem Friedhof aus. Der Gottesacker ist nur ein paar Schritte entfernt, wie alles in Zadel. Weinreben hat dort fast niemand auf den Grabstein eingraviert. Anders ist das mit den Schiffen. Wer ein Boot besaß, ließ das festhalten. Die Kirche auf dem Friedhof ist fast etwas zu groß für das kleine Dorf. Bei der Sanierung vor einigen Jahren ließ der frühere Pfarrer neue Leuchter für die Kirche machen. An den dunklen Leuchterarmen baumeln seitdem Weintrauben aus Metall. Erntedank wurde in Zadel schon immer groß gefeiert. Dann schenkte der Pfarrer Federweißen aus, den er aus Trauben machte, die neben dem Pfarrhaus wuchsen.

Heike Titze ist mit solchen Traditionen groß geworden. Sie ist 24 Jahre jung und trägt ein kleines Krönchen auf dem Kopf und in der Hand manchmal einen üppigen Sektkelch – jedenfalls bei offiziellen Anlässen. Heike Titze ist sächsische Sektprinzessin, bereits zum zweiten Mal. Vor Jahren kam auch schon mal eine Weinkönigin aus Zadel. Doch die ist inzwischen weggezogen. Nicht viele junge Menschen sind geblieben. Heike Titze will bleiben. „Zadel ist klein und überschaubar, einfach süß.“ Jeder kennt jeden. „Bei uns klingelt das Telefon sehr, sehr oft.“

Vielleicht liegt das auch an ihrem Großvater Wolfgang Frohberg, der im Winter mit im Haus wohnt. Im Sommer leben er und seine Frau in einem Sommerhaus in der Nähe ihres Weinbergs. Wolfgang Frohberg ist stolz auf seine Enkelin. Weniger wegen der Sache mit der Sektprinzessin, sondern eher wegen ihrer Berufswahl. Heike Titze ist Winzerin. So lebt der Weinbau fort.

Eingetragen in: Weinhoheiten unterwegs